mariel rosemont
Der Reverend war an diesem Morgen nicht auf der Kanzel. Vor der Kirche hing stattdessen ein schlichtes Schild: Gottesdienst fällt aus. Die Sekretärin des Reverends saß auf einem harten Holzstuhl und ließ ihren Blick immer wieder zum Telefon auf dem Schreibtisch wandern. Fast mechanisch glitten die Perlen ihres Rosenkranzes durch ihre Finger. Sie wartete. Auf ein Klingeln. Auf eine Nachricht. Ein paar Stunden später würde die Familie Rosemont eine gesunde, kleine Tochter nachhause bringen. Bibelverse waren die ersten Geschichten, die Mariel hörte – lange bevor Märchen oder Gute-Nacht-Erzählungen ihren Weg in ihr Kinderzimmer fanden. Die Überzeugungen ihrer Eltern wurden zu den Grundpfeilern ihres Weltbildes. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte und genoss sie ihre Schulbildung nahezu ausschließlich im Kreis ihrer Familie und der engsten Mitglieder ihrer Gemeinde. Ohne es zu beabsichtigen, schirmten ihre Eltern sie damit von der Welt außerhalb ihres vertrauten Umfelds ab. Ein eigenes Handy – oder überhaupt eines jener in den Augen ihrer Eltern anstößigen Frauenmagazine – bekam Mariel erst in ihren späten Teenagerjahren wirklich zu Gesicht. Als ihre Mutter schließlich den Entschluss fasste, wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Jene nutzte diese Veränderung zugleich, um ihre Tochter erstmals auf eine öffentliche High School zu schicken. Für die junge Rosemont fühlte sich das an wie ein halber Herzinfarkt. Stundenlang mit fremden Kindern in einem überfüllten Klassenraum eingesperrt zu sein. Unter Blicken, die sie musterten, als wäre sie ein Frosch auf dem Seziertisch. Vielleicht war genau dieses Gefühl, fehl am Platz zu sein, der Antrieb hinter ihrem Wunsch, diesen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen zu können. Mariel hielt sich von den Versuchungen des Schulalltags fern. Sie steckte ihre Nase lieber in Bücher als in die Angelegenheiten anderer. Mit einem Tempo, das ihre Mitschüler rasch weit hinter sich ließ, arbeitete sie sich durch den Lehrplan und schloss die High School ein Jahr früher als vorgesehen als Jahrgangsbeste ab. Von den Gesichtern und Namen ihrer Mitschüler blieb kaum etwas in Erinnerung. Bis hierhin war alles erstaunlich einfach gewesen. Es hatte immer den nächsten Schritt gegeben, das nächste Ziel. Warum wusste sie nun plötzlich nicht mehr, wohin mit sich? So sehr sie ihr Leben genoss unter dem Dach ihrer Eltern. Es juckte ihr unter den Fingernägeln, mehr zu lernen. Auch wenn sie das Schulleben kaum emotional berührt hatte, die Welt da draußen war ein großes, ungelöstes Geheimnis. Als bald sammelten sich die Bewerbungsunterlagen für die verschiedensten Universitäten. Und damit die wochenlangen Kopfschmerzen. Sie hatte keine Ahnung, ob diese von den unzähligen Gedanken über ihre Zukunft oder schlicht von der drückenden Sommerhitze kamen. Am Ende entschied sie sich für ein Major-Studium der Philosophie. Nicht, weil sie glaubte, dort alle Antworten zu finden, sondern weil sie lernen wollte, die richtigen Fragen zu stellen. Parallel belegte sie den Pre-Medical-Studiengang und absolvierte die naturwissenschaftlichen Kurse, die ihr den Weg an eine Medical School offenhalten sollten. Vielleicht waren es bloß Neugier und der Wunsch, der Welt etwas zurückzugeben. Vielleicht wollte sie aber auch unbewusst den Spuren ihres älteren Bruders folgen, der einige Jahre zuvor denselben Weg eingeschlagen hatte. So sehr Mariel auf eigenen Beinen stand, bisher war alles immer für sie vorgegeben gewesen. Der Willen zu so großen, fundamentalen Entscheidungen lag bis dahin nicht in ihrem Repertoir. Die Universität stellte sie jedoch vor Herausforderungen, auf die sie kein Elternhaus hätte vorbereiten können. Zwar fand sie schnell Anschluss, doch zwischen all den Menschen fühlte sie sich seltsam allein. Fern von Zuhause, an einer renommierten Ivy-League-Universität, musste Mariel lernen, ihren Platz zwischen außergewöhnlich klugen Kommilitonen und den privilegierten Kindern wohlhabender Familien zu finden. Diesen neuen Bekanntschaften konnte sie sich nicht entziehen. Fast unbemerkt wurde sie in ein Welt hineingezogen, das mit ihrer behüteten Kindheit kaum etwas gemein hatte. Studentenpartys, die bis tief in die Nacht dauerten und sie um den Schlaf brachten. Nachmittage in Cafés, gemeinsame Restaurantbesuche, spontane Ausflüge – Stück für Stück begann sich ein Teil von ihr dieser neuen Welt zu öffnen. Und dann war da Basil. Er war weit mehr als nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Zukunftspläne rückten plötzlich in ein anderes Licht. Die Nähe zu Basil gewann an Bedeutung und ließ alles andere ein Stück weit in den Hintergrund treten. So war es beinahe unausweichlich, dass Mariel ihm nach ihrem Abschluss schließlich nach Chicago folgte. Die darauffolgenden Jahre vergingen in einem schwindelerregenden Tempo. Sie besuchte die Medical School und verbrachte die letzten beiden Studienjahre damit, praktische Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Krankenhauses zu sammeln. Gleichzeitig wuchs in ihr der Wunsch, Medizin nicht nur innerhalb klinischer Mauern zu begreifen. Immer häufiger engagierte sie sich in ihren eigenen freien Zeit oder durch Programme der Schule in sozialen Projekte. Wo sie ihre Kenntnisse einsetzten konnte, um Menschen zu helfen, die oft keinen einfachen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten. Dort sammelte sie Erfahrungen, die kein Hörsaal und kein Lehrbuch hätten vermitteln können. Ein Teil von ihr verlernte das kleine Pfarrer-Töchterchen zu sein, vielleicht ein wenig zu viel. Basil blieb dabei ihre unausweichliche Konstante. Wahrscheinlich ist es fast schob lächerlich, dass die beiden sich vor Jahren verlobten und ihren Status nie verändert haben. Die richtige Zeit kommt noch, heißt es dann oft - dabei ist das für Immer und Ewig-Versprechen noch immer bloß ein hübscher Ring an ihrem Finger.










