Yuna ist keine Frau, die einen Raum betreten und ihn an sich reißen muss; dafür wäre ihr allein die Vorstellung zu lästig, sich um die Aufmerksamkeit fremder Menschen bemühen zu müssen. Ihre Präsenz entsteht aus etwas wesentlich Unangestrengterem, jener beinahe unverschämten Selbstverständlichkeit, mit der sie irgendwo auftaucht, sich auf eine Fensterbank setzt, nach einer herumliegenden Zigarettenschachtel greift und aussieht, als hätte sie nie darüber nachgedacht, ob sie hier willkommen ist. Sie weiß längst, dass Menschen sie ansehen, kennt die Wirkung der hellen Augen, der Sommersprossen und jener beinahe irreführenden Weichheit ihrer Gesichtszüge, die so wenig zu ihrem scharfkantigen Wesen passen, und hält trotzdem nichts von jener gespielten Bescheidenheit, mit der andere ihre eigene Wirkung herunterspielen. Wer ihr sagt, dass sie schön ist, bekommt deshalb eher ein beiläufiges „ich weiß“ und einen schiefen Mundwinkel als verlegenes Abwinken. Ihre Selbstsicherheit trägt etwas Bequemes, gelegentlich beinahe Unverschämtes, und kippt besonders dann in Arroganz, wenn jemand versucht, sie zu unterschätzen oder ihr Dinge zu erklären, die sie längst verstanden hat; Yuna muss niemandem beweisen, dass sie klüger oder härter ist, doch sie besitzt eine fast kunstvolle Begabung dafür, einen Menschen mit einer einzigen hochgezogenen Braue darüber zu informieren, dass sie ihn gerade für einen bemerkenswerten Idioten hält. Unter dieser demonstrativen Lässigkeit arbeitet allerdings ein Verstand, dem nur wenig entgeht. Yuna hört nicht bloß Worte, sondern die Stellen dazwischen: das kurze Stocken vor einem Namen, eine Stimme, die plötzlich eine Nuance zu freundlich klingt, Finger, die sich fester um ein Glas schließen, einen Blick, der zu früh ausweicht oder einen Herzschlag zu lange bleibt. Menschen zu lesen war für sie niemals eine Begabung, sondern Notwendigkeit, und aus dieser alten Wachsamkeit ist eine beinahe unangenehme Menschenkenntnis geworden. Sie erkennt Lügen häufig, bevor sie vollständig ausgesprochen sind, ohne sich verpflichtet zu fühlen, jede davon aufzudecken; manchmal genügt es ihr vollkommen, jemanden weiterreden zu lassen und zu beobachten, wie tief er sich in seiner eigenen Geschichte vergräbt. Ihre eigene Sprache kennt dagegen erstaunlich wenige Umwege. Yuna könnte diplomatisch sein, wenn sie wollte, sie hält es nur selten für notwendig, und unangenehme Wahrheiten werden unter ihrer ruhigen Stimme nicht freundlicher, sondern schneiden häufig umso sauberer. Wer nach ihrer Meinung fragt, bekommt sie; wer eigentlich Trost, Bestätigung oder eine hübsch verpackte Version davon wollte, hätte jemand anderen fragen sollen. That’s it. Sarkasmus ist bei ihr entsprechend keine gelegentlich gezogene Waffe, sondern beinahe Muttersprache. Trocken, schnell und mit einer Präzision, die mitunter erst Sekunden später wehtut, findet Yuna zuverlässig jene Stelle in einem Gespräch, an der ein einziger Satz genügt, um jemandes Selbstgefälligkeit zusammenfallen zu lassen. Besonders Menschen, die sich selbst viel zu ernst nehmen, sind für sie nahezu unwiderstehlich. Trotzdem ist ihr Humor nicht ausschließlich scharf; bei vertrauten Menschen bekommt er etwas überraschend Spielerisches, manchmal geradezu Kindisches. Dann erzählt sie offensichtlichen Unsinn mit vollkommen ernster Miene, klaut Feuerzeuge und bestreitet den Diebstahl mit dem Beweisstück zwischen den Fingern, kommentiert Filme, bis Kissen nach ihr fliegen, und kann sich erschreckend lange daran erfreuen, jemanden vorsätzlich zu nerven. Ihr echtes Lachen besitzt dabei nichts von ihrer üblichen Kontrolle, kräuselt ihre sommersprossige Nase, zieht ihre Augen schmal und lässt für einen Augenblick beinahe vergessen, wie scharf derselbe Mund werden kann. Erst wenn etwas sie wirklich trifft, bekommt ihr Humor wieder Zähne; Sorge beantwortet sie mit einem trockenen „dramatisch heute?“, Zärtlichkeit mit einem Augenrollen und Gefühle, für die ihr die richtigen Worte fehlen, mit irgendeiner vollkommen unangebrachten Bemerkung. Dass sie danach nicht geht, ist meistens das ehrlichere Geständnis. Ohnehin versteht Yuna Gefahr wesentlich besser als Sanftheit. Wenn Stimmen lauter werden, Blut fließt oder eine Situation kippt, wird sie nicht hektisch, sondern stiller, klarer, beinahe erschreckend funktional; Chaos besitzt Regeln, die sie lesen kann. Schwieriger sind jene unscheinbaren Gesten, gegen die man sich kaum vernünftig verteidigen kann: ein Kaffee, der bereits so vor ihr steht, wie sie ihn gerne trinkt, eine Jacke über ihren Schultern, eine wortlose Hand im Nacken oder die beiläufige Frage, ob sie eigentlich gegessen hat. Große Liebeserklärungen kann Yuna zerlegen, belächeln oder mit Sarkasmus erschlagen, doch solche Kleinigkeiten schlüpfen durch die Ritzen ihrer Rüstung und sitzen längst unter ihren Rippen, bevor sie überhaupt bemerkt, dass sie getroffen wurde. Bei Menschen, denen sie vertraut, wird körperliche Nähe deshalb beinahe zu einer eigenen Sprache; dann hängen ihre Finger an Ärmeln, kalte Füße verschwinden unter fremden Beinen, der Kopf landet auf Schultern, Getränke werden geteilt und Hoodies wechseln so endgültig den Besitzer, dass jede Diskussion darüber reine Zeitverschwendung wäre. Was bei Fremden eine Grenzüberschreitung wäre, wird bei den Ihren zur Selbstverständlichkeit, und vielleicht ist genau das Yunas intimste Form von Vertrauen: nicht darüber nachdenken zu müssen, dass jemand ihr nahe ist. ❝You were such a soft little thing once, my love, before hell learned the sound of your name and carved it into every place that hurt; yet when its hands finally loosened around you, you crawled back into the light with blood between your teeth, ashes beneath your skin, and the terrible, beautiful tragedy of a heart that had somehow forgotten to die.❝ Yuliana Vaughn war vier Jahre alt als ihre Mutter starb, also in einem Alter, in dem die Welt eigentlich noch aus jenen kleinen, überschaubaren Wahrheiten bestehen sollte, die Erwachsene später gern Kindheit nennen: aus der selbstverständlichen Gewissheit, dass eine Hand, die man festhält, nicht plötzlich loslässt, dass eine Mutter vielleicht müde, traurig oder manchmal ein wenig zu still sein kann, am nächsten Morgen jedoch trotzdem wieder in der Küche steht, und dass jedes Verschwinden lediglich vorübergehend ist, weil Menschen, die einen lieben, selbstverständlich zurückkommen. Yuliana wusste damals nichts von Abhängigkeit, nichts von jener schleichenden Form der Selbstzerstörung, die einen Menschen nicht auf einen Schlag verschlingt, sondern ihn über Monate und Jahre hinweg Stück für Stück aus seinem eigenen Leben herauslöst, bis zwischen der Person, die einmal existiert hat, und dem Schatten, der schließlich zurückbleibt, kaum noch eine erkennbare Verbindung besteht; sie wusste lediglich, dass ihre Mutter immer häufiger schlief, dass manches Lächeln einen Augenblick zu spät kam und manche Umarmung eine Spur zu fest wurde, als müsste die Frau sich selbst daran erinnern, dass dort noch ein kleines Mädchen existierte, das sie brauchte. Es gab gute Tage, manchmal sogar mehrere hintereinander, an denen ihre Mutter beinahe wieder jene Frau war, die Yuna aus ihren frühesten Erinnerungen kannte, mit warmen Händen, einer heiseren Stimme und der Angewohnheit, beim Kochen leise vor sich hin zu summen, während sie ihrer Tochter das helle Haar aus dem sommersprossigen Gesicht strich; dann wiederum kamen jene anderen Tage, an denen die Vorhänge selbst am Nachmittag geschlossen blieben, ungeöffnete Briefe zwischen überquellenden Aschenbechern auf dem Küchentisch lagen und ihre Mutter so lange auf dem Sofa oder im Bett verschwand, dass Yuna irgendwann selbst begann, Schränke nach etwas Essbarem zu durchsuchen. Armut war für ein vierjähriges Mädchen schließlich kein gesellschaftlicher Zustand und schon gar keine persönliche Tragödie, sondern lediglich eine Ansammlung kleiner Selbstverständlichkeiten, über deren Bedeutung sie erst Jahre später nachdenken würde: Schuhe wurden getragen, bis die Sohlen Wasser durchließen, ein kaputter Reißverschluss mit einer Sicherheitsnadel zusammengehalten, Cornflakes galten gelegentlich als Abendessen und ihre Mutter behauptete auffallend häufig, selbst keinen Hunger zu haben, während sie Yuna den größeren Teil einer Mahlzeit zuschob, die kaum für eine Person gereicht hätte. Irgendwo zwischen all diesen Dingen hatte sich längst etwas anderes in ihr Leben geschlichen, zunächst beinahe unsichtbar, später groß genug, um alles Übrige an den Rand zu drängen; Yuna erinnert sich nicht daran, wann ihre Mutter zum ersten Mal Drogen nahm, erinnert sich weder an einen bestimmten Tag noch an jenen einen Augenblick, in dem alles sichtbar schlechter wurde, sondern lediglich an Veränderungen, an fremde Menschen, die für kurze Zeit in ihrer Wohnung auftauchten und wieder verschwanden, an geflüsterte Gespräche hinter halb geschlossenen Türen, an Geld, das niemals lange blieb, und an jene namenlose Unruhe eines Kindes, dessen Verstand noch nicht begreifen konnte, was sein Körper längst verstanden hatte. Die Jahre nach 2022 waren die ersten, in denen Yuna tatsächlich nur sich selbst gehörte. Sie behielt ihren Job hinter der Bar, wurde mit der Zeit zu einer jener Barkeeperinnen, wegen der Stammgäste wiederkommen und problematische Gäste erstaunlich schnell lernen, welche Grenzen nicht verhandelbar sind, und entdeckte, dass dieser vermeintlich gewöhnliche Beruf hervorragend zu einer Frau passte, die Menschen ohnehin lieber beobachtete, als ihnen zu viel von sich zu erzählen. Gleichzeitig wuchsen aus den Nächten hinter dem Tresen Kontakte, Gefälligkeiten und Informationen; sie hörte Namen, kannte Gesichter, wusste, wer mit wem Geschäfte machte, und lernte schnell, dass Wissen in bestimmten Kreisen eine eigene Währung besitzt. Sie verkauft nicht wahllos jedes Geheimnis, das ihr anvertraut wird, und betrachtet sich selbst keineswegs als professionelle Kriminelle, doch gelegentlich gibt sie Informationen weiter, übernimmt diskrete Gefälligkeiten oder bewegt sich an den Rändern jener Underground-Fighting-Szene, in der Gewalt zumindest den Anstand besitzt, nicht so zu tun, als wäre sie Fürsorge. Yuna arbeitet mit Menschen, niemals für sie in einem Sinne, der Besitz impliziert, und gerade ihre Nähe zu Alvaros Welt bedeutet nicht, dass sie ein Teil seines Kartells geworden wäre; seine Geschäfte sind seine, ihr Leben ist ihres, und diese Grenze gehört zu den wenigen Dingen, auf deren Existenz sie mit fast brutaler Konsequenz besteht. — Für Yuna suche ich grundsätzlich noch Freunde, Bekannte, alte Weggefährten und vielleicht sogar ehemalige Pflegegeschwister, mit denen sie während ihrer Jugend für kürzere oder längere Zeit unter einem Dach gelebt hat. Ebenso dürfen sich gern Kollegen und Kontakte aus ihrem beruflichen Umfeld finden: ganz offiziell arbeitet Yuna als Barkeeperin, bewegt sich daneben allerdings in deutlich weniger legalen Kreisen, übernimmt gelegentlich Botengänge, beschafft Informationen oder erledigt andere diskrete Gefälligkeiten für Menschen, bei denen es meistens besser ist, nicht allzu genau nachzufragen. Entsprechend können Kontakte sowohl aus dem vollkommen normalen Nachtleben als auch aus der kriminelleren Ecke stammen. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass Yuna kein besonders einfacher Mensch ist: Sie ist direkt, sarkastisch, stur, gelegentlich arrogant, ziemlich besitzergreifend und besitzt ein beeindruckendes Talent dafür, Menschen von sich zu stoßen, sobald sie ihr zu nahe kommen. Wer es allerdings einmal ernsthaft in ihren inneren Kreis geschafft hat, bekommt eine ausgesprochen loyale, aufmerksame und beschützende Freundin, die vielleicht niemals besonders überzeugend sagen wird, dass ihr jemand wichtig ist, dafür aber nachts um drei vor der Tür steht, wenn man sie braucht. Gerade deshalb dürfen ihre Beziehungen gern kompliziert, langjährig, liebevoll-chaotisch oder mit ordentlich Reibung verbunden sein. — I’m a huge fan of plotting together rather than deciding every little detail on my own, so please always feel free to throw ideas, dynamics, complications and completely unhinged “okay, but hear me out” scenarios at me. I absolutely adore drama, angst, tension and messy situations between characters — emphasis on between characters, because I have zero interest in drama on a PB level and would much rather keep things relaxed, respectful and fun behind the scenes. I’m also someone who genuinely enjoys playing connections out instead of simply collecting them on a character sheet; whether our characters are friends, enemies, colleagues, family, something painfully complicated or anything in between, I love giving those dynamics room to develop naturally through actual writing. My own posts tend to be on the longer and more detailed side, and I’m equally comfortable writing in German or English, depending on what works best for the play. That is entirely my personal preference, though, and absolutely not something I expect my writing partners to match — different lengths and styles are perfectly fine with me as long as we both enjoy the story we’re creating.♥
Yuliana
Weniger liebenswert ist, dass aus dieser Nähe schnell Besitzdenken werden kann. Yuna ist eifersüchtig, territorial und ausreichend selbstreflektiert, um beides zu wissen, allerdings nicht immer ausreichend vernünftig, um etwas dagegen zu unternehmen. Ihre Eifersucht macht selten Lärm; sie wird vielmehr gefährlich leise, lässt ihren Blick kälter und ihr Lächeln eine Spur zu süß werden, während sie scheinbar beiläufig näher rückt und eine Hand an Rücken, Hüfte oder Jacke eines Menschen legt, den sie längst zu ihrem innersten Kreis zählt. Dass ausgerechnet sie jeden Versuch, ihre eigene Freiheit einzuschränken, mit blanker Verachtung beantworten würde, macht ihre persönlichen Regeln nicht unbedingt fairer. Yuna kann stundenlang verschwinden und anschließend ernsthaft irritiert sein, weil eine Nachricht von ihr zwanzig Minuten unbeantwortet geblieben ist; kann behaupten, ihr sei vollkommen egal, wer mit wem flirtet, während ihre Körpersprache längst eine deutlich weniger liberale Meinung vertritt. Hinter dieser Doppelmoral liegt allerdings weniger der Wunsch, jemanden zu beherrschen, als ihre beinahe störrische Vorstellung von Zugehörigkeit. Menschen, die Yuna wirklich liebt, sind für sie keine Gäste auf Zeit. Sie verwurzeln sich, und Wurzeln lassen sich nicht herausziehen, ohne etwas mitzunehmen.
Entsprechend unspektakulär und gleichzeitig kompromisslos fällt ihre Fürsorge aus. Yuna fragt selten dreimal, ob jemand Hilfe braucht; wenn die Antwort offensichtlich ist, steht sie bereits mit Essen, Verbandszeug oder Autoschlüssel vor der betreffenden Person und betrachtet jede Form überschwänglicher Dankbarkeit wie eine unnötige gesellschaftliche Komplikation. Sie merkt sich Nebensächlichkeiten, die andere längst vergessen haben, erkennt schlechte Tage an einer Stimme und bestellt grundsätzlich „versehentlich“ zu viel, wenn sie weiß, dass jemand selbst nichts essen würde. Ihre Zuneigung lebt in solchen Kleinigkeiten, weil Worte ihr dort zu groß erscheinen, wo Handlungen vollkommen ausreichen. Für Menschen, die tatsächlich zu ihr gehören, kann diese Loyalität beinahe rücksichtslos werden; Yuna wird ihnen erklären, weshalb ihre Entscheidung vollkommen bescheuert ist, sie dafür beleidigen und sämtliche Konsequenzen genüsslich aufzählen, während sie bereits ihre Jacke anzieht, weil selbstverständlich niemand ernsthaft angenommen hat, sie würde sie allein gehen lassen. Verrat ist entsprechend einer der wenigen Fehler, bei denen ihr Sarkasmus schnell verstummt. Vertrauen vergibt sie selten genug, dass dessen Missbrauch keine gewöhnliche Kränkung hinterlässt, sondern eine Bruchstelle; sie kann vergeben, manchmal sogar überraschend viel, doch sie wird immer wissen, wo etwas einmal zerbrochen ist.
Was Yuna dagegen regelrecht verachtet, ist Mitleid, besonders jene klebrige Sorte, die aus ihrer Vergangenheit einen Generalschlüssel für jede ihrer Eigenschaften machen möchte. Was ihr widerfahren ist, hat sie geprägt, aber es besitzt kein Monopol auf ihre Persönlichkeit. Nicht jede scharfe Bemerkung ist ein Schutzmechanismus, nicht jede schlechte Entscheidung Selbstsabotage und nicht jedes Flirten ein kompliziertes psychologisches Symptom. Manchmal ist Yuna schlicht ein Arschloch. Manchmal provoziert sie, weil ihr langweilig ist, flirtet, weil es Spaß macht, oder verbringt länger vor einem Spiegel, weil sie weiß, dass sie verdammt gut aussieht und diesen Umstand ausgesprochen angenehm findet. Gerade ihre helle, beinahe sanfte Erscheinung führt regelmäßig dazu, dass Fremde eine Persönlichkeit in sie hineinlesen, die nicht existiert; blonde Haare, helle Augen und Sommersprossen scheinen Menschen zu erstaunlich optimistischen Schlussfolgerungen zu verleiten, und Yuna korrigiert sie selten vorsorglich. Dafür macht ihr der Augenblick viel zu viel Freude, in dem jemand merkt, dass das hübsche Gesicht keineswegs mit einem harmlosen Charakter geliefert wurde. Denn trotz allem, was ihr Leben aus ihr verlangt hat, ist Yuna erstaunlich lebendig geblieben. Sie besteht aus Zigaretten am geöffneten Fenster und schwarzem Kaffee, aus Gewittern, nächtlichen Autofahrten und Musik, die grundsätzlich ein wenig zu laut läuft; aus viel zu scharfem Essen, abgeplatztem Nagellack, gestohlenen Kleidungsstücken und Songs, deren Texte sie angeblich kaum kennt, während sie jede einzelne Zeile mitsingt. Sie kann eitel, impulsiv und albern sein, kann sich an vollkommen belanglosen Dingen festbeißen, aus Prinzip widersprechen und bei Menschen, denen sie vertraut, eine überraschend anhängliche Seite entwickeln, die kaum etwas mit jener unnahbaren Frau gemein hat, die Außenstehende in ihr sehen. Gerade diese Widersprüche machen sie aus: Yuna kann jemanden mit einem Satz in Stücke schneiden und zehn Minuten später wortlos dessen kalte Hände zwischen ihre eigenen nehmen; sie kann darauf bestehen, niemanden zu brauchen, während sie längst mit dem Kopf auf einer vertrauten Schulter eingeschlafen ist. Nur Frieden trägt für sie noch immer etwas Ungewohntes. Chaos hat lange genug ihre Sprache gesprochen, dass zu viel Ruhe manchmal wie ein Satz klingt, dessen Ende sie nicht kennt; wenn alles zu lange gut läuft, sucht ein alter Teil von ihr beinahe automatisch nach dem Riss im Fundament. Gelegentlich stößt sie deshalb selbst gegen Grenzen, provoziert Dinge, die besser geschlafen hätten, oder kehrt zu Menschen und Orten zurück, von denen sie weiß, dass sie ihre sorgfältig sortierte Welt wieder durcheinanderbringen können. Nicht weil sie Schmerz braucht, sondern weil bekannte Abgründe leichter einzuschätzen sind als unbekanntes Glück. Vielleicht liegt genau darin ihre schwierigste Aufgabe: nicht stärker, härter oder unangreifbarer zu werden, sondern irgendwann zu begreifen, dass Frieden keine Falle sein muss.
Yuna ist deshalb weder die Summe ihrer Narben noch irgendeine romantisierte Version einer Frau, die alles überlebt hat und daran unzerstörbar geworden ist. Sie ist widersprüchlicher und wesentlich unbequemer: selbstbewusst bis zur Arroganz, direkt bis zur Unverschämtheit, sarkastisch, eitel und gelegentlich unfair, gleichzeitig verspielt, aufmerksam, erschreckend fürsorglich und von einer Loyalität, die beinahe gefährlicher werden kann als ihre Wut. Ihre Vergangenheit trägt sie nicht wie eine offene Wunde, sondern wie Metall unter der Haut, längst eingewachsen, nicht immer spürbar und dennoch unmöglich vollständig herauszulösen; darüber jedoch liegt längst ein ganzes Leben, laut und schmutzig und wunderschön unperfekt, voller Begehren, schlechter Entscheidungen, echtem Lachen und Menschen, die sie gegen jede Vernunft zu den ihren erklärt hat. Vielleicht will Yuna am Ende gar nicht lernen, weniger intensiv zu lieben oder weniger festzuhalten. Vielleicht muss Yuna am Ende gar nicht lernen, weniger intensiv zu lieben oder weniger entschieden festzuhalten; vielleicht muss sie nur irgendwann begreifen, dass nicht alles, was ihr etwas bedeutet, bereits im Augenblick des Findens wieder verloren ist — und dass Nähe nicht erst dann sicher wird, wenn man sie so fest umklammert, dass die eigenen Hände daran bluten.
Ihre Mutter war keine grausame Frau, und vielleicht war genau das später das Schwerste daran, denn Grausamkeit hätte Yuna etwas gegeben, das sie hätte hassen können, während Liebe und Versagen auf eine wesentlich unbequemere Weise nebeneinander existierten. Zwischen versäumten Mahlzeiten, verschlafenen Nachmittagen und Versprechen, die kaum bis zum nächsten Morgen hielten, gab es eine Frau, die ihre Tochter aufrichtig liebte und trotzdem irgendwann nicht mehr genug von sich selbst besaß, um diese Liebe in etwas Verlässliches zu verwandeln; eine Frau, die Yuna fest an sich drücken, ihr über das Haar streichen und wenige Stunden später vergessen konnte, dass sie noch nichts gegessen hatte, die mit glasigen Augen versprach, morgen werde alles anders, und dieses Versprechen in genau diesem Augenblick vermutlich sogar glaubte. Vielleicht liegt darin bis heute ein Teil von Yunas schwieriger Beziehung zu Zuneigung verborgen, denn lange bevor sie überhaupt verstand, was Verlust bedeutete, hatte sie bereits gelernt, dass jemand einen vollkommen aufrichtig lieben und einen trotzdem im Stich lassen konnte. Die Nacht, in der ihre Mutter starb, besitzt entsprechend nichts von jener dramatischen Endgültigkeit, die Erinnerungen in Geschichten häufig erhalten; kein Abschied, keine bedeutungsschweren letzten Worte, kein Augenblick, in dem ein vierjähriges Mädchen begriff, dass sich sein Leben gerade unwiderruflich veränderte, sondern lediglich eine ungewöhnliche Stille, die irgendwann selbst einem Kind auffiel. Yuna erinnert sich an nackte Füße auf kaltem Boden, an fahles Licht aus einem angrenzenden Raum und an den Körper ihrer Mutter, der sich nicht bewegte, obwohl sie ihren Namen sagte, zunächst leise, dann noch einmal, etwas lauter, schließlich mit jener zunehmenden Ungeduld, die nur ein Kind besitzen kann, das noch nicht versteht, weshalb ein Mensch plötzlich nicht mehr antwortet. Alles danach liegt wie schlecht zusammengesetztes Glas in ihrer Erinnerung: fremde Stimmen, hektische Bewegungen, grelles Licht, Erwachsene, die sie aus dem Raum bringen wollten, obwohl sie nicht verstand, weshalb man ihre Mutter dort allein ließ, und irgendwann jene Erklärung, deren genaue Worte längst verschwunden sind, während ihre Bedeutung sich mit einer Grausamkeit in ihr festsetzte, die kein vierjähriges Kind hätte tragen sollen. Erst Jahre später erfuhr sie, dass eine Überdosis das Herz ihrer Mutter zum Stillstand gebracht hatte; ob es tatsächlich jener eine bewusst gesetzte letzte Schuss gewesen war oder lediglich eine Dosis, die ein bereits geschundener Körper nicht mehr verkraftete, konnte ihr niemand mit Sicherheit sagen, und irgendwann hörte Yuna auf, nach einer Antwort zu suchen, weil die Unterscheidung für sie nichts mehr änderte. Ihre Mutter war tot, und keine medizinische Formulierung der Welt würde aus dieser Wahrheit etwas anderes machen.
Mit ihrem Tod begann keine einzelne große Katastrophe, sondern eine lange Reihe kleiner Entwurzelungen, die Yuna früh beibrachten, dass ein Zuhause weniger ein Ort als eine Behauptung war, die Erwachsene erstaunlich leicht aussprechen konnten. Sozialarbeiter kamen und gingen, Übergangsunterkünfte wurden gegen Pflegefamilien getauscht, fremde Namen standen plötzlich auf Formularen, die Entscheidungen über ihr Leben trafen, während Yuna daneben saß und lernte, dass Erwachsene gern von Stabilität sprachen, während sie gleichzeitig ihre wenigen Habseligkeiten wieder in Taschen packten. Manche Pflegepersonen waren ehrlich bemüht, manche hoffnungslos überfordert und andere schlicht ungeeignet für ein Kind, das längst aufgehört hatte, Fürsorge automatisch mit Sicherheit gleichzusetzen; Yuna war still, aber keineswegs fügsam, aufmerksam, jedoch schwer zugänglich, und besonders jene unausgesprochene Erwartung, sie müsse dankbar sein, weil jemand ihr ein Bett, Essen und saubere Kleidung zur Verfügung stellte, ließ schon früh etwas Trotzendes in ihr wachsen. Nach mehreren Übergängen kam schließlich jene Familie, bei der sie den größten Teil ihrer Jugend verbringen sollte, ein vollkommen gewöhnliches Haus in einer vollkommen gewöhnlichen Straße, eingerahmt von gepflegten Vorgärten, Mülltonnen und Nachbarn, die einander freundlich grüßten, ohne besonders viel voneinander zu wissen. Die Pflegemutter empfing sie mit einem Lächeln, das vermutlich sogar ehrlich gemeint war, während ihr Mann zunächst beinahe väterlich wirkte und für einen kurzen Moment eine Hand auf Yunas Schulter legte, als wäre diese beiläufige Berührung nichts weiter als eine selbstverständliche Geste des Willkommenheißens; unter seinen Fingern erstarrte ihr kleiner Körper dennoch mit jener lautlosen Vollkommenheit, die niemand bemerkte, während sie sich den Geruch nach Nikotin an seiner Kleidung, das Gewicht seiner Hand und die wenigen Sekunden bis zu deren Verschwinden einprägte, ohne zu wissen, weshalb ihr Körper offenbar entschieden hatte, solche Dinge nicht zu vergessen. Das Zimmer, das man ihr anschließend zeigte, war hell, ordentlich und mit jener bemühten Freundlichkeit eingerichtet worden, von der Erwachsene offenbar glaubten, sie könne einem fremden Ort etwas Vertrautes verleihen, und während ihre Pflegemutter ihr erklärte, dies sei nun ebenfalls ihr Zuhause, stand Yuna zwischen frischer Bettwäsche, leeren Schrankfächern und einem Fenster zur Straße und betrachtete weniger die Möglichkeiten eines neuen Lebens als die Entfernung zwischen Bett, Tür und Ausgang. Ihre Tasche blieb deshalb zunächst neben der Matratze stehen, griffbereit für den Fall, dass auch dieses Zuhause sich als etwas Vorübergehendes herausstellen sollte; erst Monate später bemerkte sie, dass ihre Kleidung inzwischen in Schubladen lag und die Tasche leer geworden war, als hätte ein Teil von ihr tatsächlich begonnen, an die Möglichkeit des Bleibens zu glauben. Gerade deshalb wäre es zu einfach, dieses Haus rückblickend ausschließlich als Ort des Schreckens zu beschreiben, denn es gab Geburtstage, gemeinsames Abendessen, Weihnachtsdekoration, schlechte Fernsehabende, halb verbrannte Pfannkuchen und vollkommen gewöhnliche Wochenenden, an denen nichts zerbrach, weder Geschirr noch Menschen. Ihre Pflegemutter kaufte Kleidung, fragte nach der Schule und brachte Medikamente an ihr Bett, wenn Yuna krank war; ihr Pflegevater reparierte Möbel, fuhr sie gelegentlich irgendwohin und konnte tagelang jener Mann sein, den Außenstehende ohne Zögern als fürsorglich bezeichnet hätten. Vielleicht machte genau diese Normalität alles, was später kam, so schwer einzuordnen, weil gute Erinnerungen die schlechten nicht auslöschten und die schlechten wiederum nicht verhinderten, dass manche guten tatsächlich echt gewesen waren. Alkohol gehörte zunächst beiläufig zum Haushalt, ein Bier am Abend, später zwei, irgendwann Flaschen, deren Anzahl niemand mehr zählte, und mit ihm veränderte sich die Luft im Haus auf eine Weise, die Yuna früher bemerkte als jede offene Eskalation. Die Art, wie seine Schlüssel auf die Kommode fielen, die Schwere seiner Schritte oder das Zuschlagen einer Schranktür verrieten ihr genug, um zu wissen, welcher Abend bevorstand; seine Gewalt begann entsprechend nicht spektakulär, sondern in jener alltäglichen Form, die besonders leicht unter Gewohnheit begraben wird, mit herablassenden Bemerkungen, Demütigungen, einem zu festen Griff um einen Oberarm, einem zerbrochenen Glas oder Drohungen, die am nächsten Morgen niemals so gemeint gewesen sein sollten. Ihre Pflegemutter sah vieles davon und entschied sich doch erschreckend häufig dafür, gerade lange genug wegzusehen, bis aus Feigheit Routine geworden war.
Mit zunehmendem Alter verlor Yuna allerdings die Bereitschaft, sich selbst möglichst klein zu machen, damit ein erwachsener Mann genügend Platz für seine Wut hatte. Aus dem vorsichtigen Kind wurde eine Jugendliche mit scharfem Mundwerk, hochgezogenem Kinn und jener Form von Trotz, die nicht aus Furchtlosigkeit entstand, sondern aus der Erkenntnis, dass Angst ohnehin keinen zuverlässigen Schutz bot; wenn Schweigen sie nicht vor seinen Launen bewahrte, sah sie irgendwann keinen Sinn mehr darin, ihm zusätzlich auch noch ihre Stimme zu überlassen. Gerade in dieser Zeit, mit achtzehn, begegnete sie Alvaro erstmals wirklich, obwohl beide sich längst vom Sehen kannten, weil er in derselben Straße lebte und zu jenen Nachbarn gehörte, deren Tagesrhythmus Fragen aufwarf, die Yuna klug genug war, nicht zu stellen. Er kannte sie als die blonde junge Frau mit den Sommersprossen, die auffällig häufig mitten in der Nacht draußen saß und rauchte; sie kannte ihn als den Mann, bei dem Autos zu Uhrzeiten hielten, zu denen vernünftige Menschen schliefen, dessen Besucher selten lange blieben und dessen Geschäfte mit ziemlicher Sicherheit nichts mit einer regulären Büroanstellung zu tun hatten. Lange blieb es bei diesem wortlosen Wiedererkennen, bei flüchtigen Blicken über die Straße hinweg und jener stillen Kenntnis voneinander, die noch keinerlei Grund besaß, mehr zu werden, bis Yuna nach einem jener Abende, an denen ihr Pflegevater genügend getrunken hatte, um selbst die nächtliche Kälte der Straße einladender erscheinen zu lassen als die eigenen vier Wände, weit nach Mitternacht draußen saß. Zwischen ihren Fingern brannte eine Zigarette langsam bis zum Filter hinunter, während sie die erleuchteten Fenster des Hauses beobachtete und darauf wartete, dass eines nach dem anderen erlosch und mit dem letzten Licht vielleicht auch die Gefahr verschwand, ihm auf dem Weg zurück in ihr Zimmer noch einmal begegnen zu müssen. Irgendwann zeichnete sich Alvaros Gestalt am anderen Ende der Straße aus der Dunkelheit ab, zu einer jener Stunden, in denen vernünftige Menschen längst hinter verschlossenen Türen verschwunden waren und Männer wie er offenbar erst den Heimweg fanden; als sein Blick an Yuna hängen blieb, verlangsamten sich seine Schritte beinahe unmerklich, bis er wenige Meter vor ihr zum Stehen kam und sie mit einer Selbstverständlichkeit nach Feuer fragte, als wäre die bereits glimmende Zigarette zwischen ihren Fingern nicht gerade der denkbar schlechteste Beweis dafür, dass er dafür ausgerechnet die Richtige angesprochen hatte. Yunas Blick sank auf die Zigarette zwischen ihren Fingern, deren Spitze im Dunkel unübersehbar rot aufglomm, wanderte anschließend zu Alvaro und blieb einen Moment vollkommen ausdruckslos auf seinem Gesicht liegen. „Hab keins.“ Alvaro sagte zunächst nichts. Sein Blick glitt demonstrativ zu ihrer brennenden Zigarette. Yuna folgte ihm, betrachtete die Glut, als sähe sie diese ebenfalls zum ersten Mal, und hob anschließend wieder den Blick zu ihm, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Es entstand jene vollkommen absurde Stille, in der beide sehr genau wussten, dass einer von ihnen offensichtlich log und keiner auch nur das geringste Interesse daran hatte, dem anderen den Gefallen zu tun, es auszusprechen. Schließlich zog Yuna noch einmal seelenruhig an ihrer Zigarette, ließ den Rauch zwischen ihnen in die kalte Nachtluft steigen und sah ihn dabei mit einer Gelassenheit an, die beinahe eine Herausforderung war. Alvaro bekam an diesem Abend kein Feuer und setzte sich trotzdem zu ihr. Was als vollkommen idiotischer Wortwechsel begann, entwickelte sich in den folgenden Wochen beinahe unbemerkt zu einer Gewohnheit. Sie begegneten sich nachts, zunächst zufällig, später mit jener Form von Zufall, bei der beide längst wussten, wann der andere normalerweise auftauchte; manchmal rauchten sie gemeinsam und redeten über vollkommen belanglosen Unsinn, manchmal saßen sie zwanzig Minuten nebeneinander, ohne mehr als wenige Sätze auszutauschen, und erstaunlicherweise war gerade dieses Schweigen etwas, das Yuna nicht als unangenehm empfand. Alvaro bemerkte schnell, dass sie nicht aus romantischer Vorliebe für nächtliche Straßen so oft draußen saß, sah blaue Flecken, hörte vielleicht einmal eine zu laute Auseinandersetzung aus dem Haus und begriff irgendwann, dass ihre späten Zigaretten weniger schlechte Angewohnheit als Aufschub waren, doch er tat etwas, das Yuna bei anderen Menschen selten erlebt hatte: Er fragte nicht nach einer Geschichte, auf die sie ihm keine Antwort schuldete. Yuna erwiderte diese Zurückhaltung auf ihre Weise, denn ebenso schnell erkannte sie, dass Alvaros Leben auf der anderen Seite des Gesetzes stattfand, dass die Männer in den Autos nicht einfach Freunde waren und dass hinter seinen nächtlichen Wegen eine Welt lag, über die man besser nicht aus bloßer Neugier Bescheid wusste. Sie stellte ebenfalls keine Fragen. Zwischen ihnen entstand dadurch keine klassische Vertrautheit, sondern etwas wesentlich vorsichtigeres und vielleicht gerade deshalb stabileres: das unausgesprochene Einverständnis, dass beide Dinge sahen, die der andere nicht erklären musste. Aus nächtlichen Zigaretten wurden irgendwann Kaffee, gemeinsames Essen, Fahrten ohne wirklichen Grund und Stunden, die keiner von beiden mehr glaubwürdig als zufällige Begegnungen bezeichnen konnte. Alvaro wurde nicht zum Retter, der Yuna aus ihrem Leben ziehen wollte, und gerade deshalb durfte er langsam Teil davon werden; er lernte, wann ihre bissigen Bemerkungen bedeuteten, dass sie Gesellschaft wollte, und wann ein Lass mich in Ruhe tatsächlich eine Grenze war, während Yuna die unterschiedlichen Versionen seines Schweigens ebenso selbstverständlich zu lesen begann. Körperliche Nähe schlich sich erst später zwischen sie, so beiläufig und selbstverständlich, dass Yuna vermutlich selbst nicht hätte benennen können, wann Berührung aufgehört hatte, etwas zu sein, das ihr Körper zunächst als Gefahr übersetzen musste: sein Knie, das ihres streifte, während sie nebeneinandersaßen, seine Jacke, die irgendwann wortlos über ihren Schultern landete, eine Hand, die sie am Arm zurückhielt, bevor sie gedankenlos auf die Straße trat. Es waren unscheinbare Gesten, kaum bedeutend genug, um sie einzeln festzuhalten, und vielleicht lag gerade darin ihre Bedeutung, denn irgendwann bemerkte Yuna, dass Alvaros Berührungen nicht länger den Umweg über ihren Verstand nehmen mussten, bevor ihr Körper begriff, dass er vor ihnen nicht zurückweichen musste. Mit neunzehn war Alvaro längst nicht mehr bloß der Mann, der einige Häuser weiter wohnte und ihr zu unmöglichen Uhrzeiten auf der Straße begegnete, sondern jener eine Ort geworden, zu dem Yuna gehen konnte, wenn sie den Gedanken an ihr eigenes Zuhause nicht ertrug, ohne an seiner Tür erst eine Erklärung für ihr Auftauchen abliefern zu müssen; mit zwanzig kannte er die feinen Unterschiede zwischen ihrem Schweigen, wusste, wann ihr Sarkasmus tatsächlich nur Sarkasmus war und wann jedes weitere Wort eines zu viel gewesen wäre, während Yuna ihrerseits längst aufgehört hatte, sich einzureden, Alvaros nächtliche Geschäfte bestünden lediglich aus ein paar harmlosen Gesetzesbrüchen. Er erzählte ihr nichts, jedenfalls nichts, das einen Namen, eine Struktur oder irgendeine konkrete Wahrheit besessen hätte, und Yuna fragte nicht danach, doch sie war weder blind noch naiv genug, um die Männer zu übersehen, die zu ungewöhnlichen Zeiten auftauchten, die Gespräche, die verstummten, sobald Unbeteiligte zu nahe kamen, das Geld, die Fahrzeuge, die gelegentlichen Verletzungen und vor allem jene besondere Form von Vorsicht, die Menschen entwickelten, wenn die Konsequenzen eines Fehlers weit über eine Nacht auf dem Polizeirevier hinausgingen. Sie kannte keine Details und hätte vermutlich nicht einmal sagen können, wo genau Alvaro innerhalb dieser Welt stand; sie wusste lediglich, dass das, worin er steckte, größer, organisierter und erheblich gefährlicher war als gewöhnliche Straßenkriminalität — und dass ein vernünftiger Mensch diese Erkenntnis vermutlich als Anlass genommen hätte, Abstand zu gewinnen. Yuna hatte mehr als einmal die Gelegenheit dazu und blieb trotzdem. Mit einundzwanzig hatte Yuna längst begonnen, ihr eigenes Geld zu verdienen und konkrete Pläne für den endgültigen Auszug zu machen. Sie arbeitete inzwischen hinter dem Tresen einer kleinen Late-Night-Bar, zunächst wegen der Schichten, die sich mit ihrem Leben besser vereinbaren ließen als jeder gewöhnliche Nine-to-five-Job, später auch deshalb, weil sie erstaunlich gut darin war; Menschen erzählten Barkeepern Dinge, die sie nüchtern niemals ausgesprochen hätten, und Yuna besaß die seltene Fähigkeit, gleichzeitig zuzuhören und vollkommen uninteressiert zu wirken, konnte einen betrunkenen Gast mit einem einzigen Blick zum Schweigen bringen, wusste nach wenigen Wochen, wer immer dasselbe bestellte, wer Ärger suchte und wer lediglich jemanden brauchte, der für zehn Minuten so tat, als sei seine Geschichte interessant. Der Job gab ihr eigenes Geld, einen Ort außerhalb des Pflegehauses und erstmals eine Form von Alltag, die niemand für sie ausgesucht hatte, während sich aus genau dieser Arbeit später Kontakte entwickelten, die sie an die Ränder jener zwielichtigen Welt führen würden, in der Informationen manchmal mehr wert waren als Bargeld. Nur einige Monate fehlten ihr wahrscheinlich noch, bis sie das Haus ihrer Pflegefamilie endgültig verlassen hätte, als alles auf eine Weise eskalierte, gegen die sämtliche Pläne plötzlich bedeutungslos wurden. Die Nacht begann mit irgendeiner Belanglosigkeit, die Yuna heute kaum noch rekonstruieren kann, weil Katastrophen selten den Anstand besitzen, sich einen ihrer Tragweite angemessenen Anfang auszusuchen; ihr Pflegevater hatte erheblich getrunken, aus Worten wurde Streit, aus Streit eine jener Forderungen nach Respekt, die längst nichts anderes mehr bedeuteten als Gehorsam, und Yuna, einundzwanzig Jahre alt und müde davon, ihre Existenz um seine Launen herum zu bauen, antwortete mit jenem scharfen Trotz, der ihn bereits seit Jahren zur Weißglut brachte. Der erste Schlag überraschte sie, der zweite nicht mehr, und danach zerfiel ihre Erinnerung in einzelne Eindrücke: eine Wand gegen ihren Rücken, metallischer Geschmack im Mund, Schmerz zwischen den Rippen, Hände, gegen die sie sich wehrte, das Gewicht eines Körpers, der ihr körperlich überlegen war, und irgendwann jene entsetzliche Verschiebung innerhalb einer vertrauten Situation, durch die Yuna begriff, dass dies nicht wie die anderen Male enden würde, denn dieses Mal hörte er nicht auf. Sie schlug zurück, trat, kratzte und kämpfte, solange ihr Körper ihr gehorchte, doch irgendwann wurde aus Gegenwehr bloßer Instinkt, aus Instinkt Erschöpfung und aus Erschöpfung die kalte Erkenntnis, dass ihr Pflegevater sie tatsächlich totschlagen würde, wenn nichts ihn davon abhielt. Wie Alvaro erfuhr, dass etwas geschehen war, liegt in jenen Minuten, die Yunas Erinnerung nie sauber zurückbekam; vielleicht erreichte ihn ein Anruf, vielleicht eine Nachricht, vielleicht wusste er schlicht genug über dieses Haus und über sie, um zu erkennen, wann etwas nicht stimmte. Sicher ist lediglich, dass er kam und eine Frau auf dem Boden fand, die er seit drei Jahren kannte, deren Sarkasmus, Trotz und beinahe aggressive Selbstständigkeit ihm längst vertrauter waren als jede Bitte um Hilfe, und die nun kaum noch bei Bewusstsein war, Blut im Gesicht, den Atem flach, während der Mann über ihr offenbar jeden Punkt überschritten hatte, an dem eine solche Situation noch hätte relativiert werden können. Alvaro riss ihn von ihr fort, zunächst mit keinem anderen Gedanken, als zwischen Yuna und den nächsten Schlag zu gelangen, doch ihr Pflegevater wandte die Gewalt, die eben noch ihr gegolten hatte, beinahe nahtlos gegen ihn, und innerhalb weniger Augenblicke verlor die Situation jede Ordnung. Aus Eingreifen wurde Gegenwehr, aus Gegenwehr ein Kampf, in dem Wut, Angst und Adrenalin längst schneller handelten als jeder vernünftige Gedanke, bis schließlich jener eine Moment kam, der sich nicht zurücknehmen, nicht entschuldigen und durch keine spätere Erklärung wieder in etwas Vorheriges verwandeln ließ. Als der Lärm verstummte und die Bewegung aus dem Raum wich, blieb eine Stille zurück, die schwerer wog als alles unmittelbar zuvor — und Yunas Pflegevater stand nicht wieder auf. Yuna bekam nur Fragmente davon mit, ein Krachen, Stimmen, Alvaros Gesicht über ihr und jene beinahe verstörende Diskrepanz zwischen Händen, die eben noch Gewalt hatten anwenden müssen und der Vorsicht, mit der dieselben Hände nun ihr Gesicht, ihren Hals und ihre verletzten Rippen berührten, weil er herauszufinden versuchte, wie schwer sie verletzt war. Die folgenden Wochen verschwammen zwischen Krankenhauslicht, Schmerzmitteln, gebrochenen Rippen, einer schweren Gehirnerschütterung, tiefen Prellungen und all den sichtbaren wie unsichtbaren Folgen einer Nacht, die sie nur knapp überlebt hatte. Dass Alvaro in jener Nacht einen Menschen getötet hatte, weil dieser wenige Augenblicke zuvor im Begriff gewesen war, Yuna das Leben aus dem Körper zu prügeln, grub sich zwischen ihnen an einen Ort, für den weder Schuld noch Dankbarkeit ein ausreichend großes Wort gewesen wären. Yuna hat ihn deshalb niemals einen Mörder genannt; vielleicht, weil sie längst ahnte, dass Alvaros Welt ohnehin genug Blut kannte, um aus diesem einen Toten keine moralische Zeitenwende zu machen, vor allem jedoch, weil ihre eigene Erinnerung an jene Nacht ihr nicht den Luxus jener sauberen Distanz gewährt, aus der sich Schuld bequem vermessen und ein Mensch auf seine schlimmste Tat reduzieren lässt. Alvaro hatte diesen Mann nicht getötet, um Yuna anschließend irgendeinen Anspruch auf ihr Leben entgegenhalten zu können, nicht aus Eifersucht, Besitzdenken oder einem jener romantisierten Versprechen, für die Menschen in Geschichten bereitwillig Blut vergießen; er hatte ihn von ihr fortgerissen, weil Yuna irgendwann kaum noch die Kraft besessen hatte, sich selbst vor dem nächsten Schlag zu schützen, und irgendwo zwischen Gegenwehr, Adrenalin und der verzweifelten Notwendigkeit, ihn zum Aufhören zu bringen, war aus einem Kampf etwas Endgültiges geworden. Seit jener Nacht liegt deshalb etwas zwischen Yuna und Alvaro, das sie weder ausgesprochen noch jemals bewusst miteinander vereinbart haben, eine gemeinsame Wahrheit mit scharfen Kanten, um die beide längst zu leben gelernt haben, ohne sie besonders häufig anzusehen. Sie schuldet ihm dafür weder ihr Leben noch ihre Liebe, und er hat ihr niemals vermittelt, dass sie es täte; trotzdem wissen beide, dass es eine Version jener Nacht gibt, die ausschließlich ihnen gehört, einen Augenblick, in dem sein Leben ihres berührte und beide anschließend nicht mehr dieselben waren. Dieses Wissen hält sie nicht zusammen wie eine Schuld, sondern sitzt längst tiefer, verwachsen mit allem, was bereits vorher zwischen ihnen existierte — und jeder Versuch, es heute noch herauszuschneiden, würde vermutlich weit mehr mit sich reißen als nur die Erinnerung an einen toten Mann.
Heute ist Yuliana Vaughn fünfundzwanzig, arbeitet noch immer überwiegend nachts hinter einer Bar und besitzt ein Leben, das keinen makellosen Lebenslauf und kaum etwas von jener sauberen Geradlinigkeit aufweist, die andere Menschen gern mit Erwachsensein verbinden. Sie schläft zu wenig, raucht zu viel, kennt Menschen, deren Telefonnummern besser nicht in falsche Hände geraten sollten, und bewegt sich gelegentlich gefährlich nah an Grenzen entlang, deren genaue Lage sie durchaus kennt; gleichzeitig besitzt sie eine eigene Wohnung, eigenes Geld, einen Schlüssel, der nur in ihr Schloss passt, und die Freiheit, einen Menschen hereinzulassen oder vor ihrer Tür stehen zu lassen, ohne dass irgendjemand diese Entscheidung für sie trifft. Für andere sind solche Dinge banal. Für Yuna besitzen sie das Gewicht eines ganzen Lebens. Alvaro ist sieben Jahre nach jener ersten absurd nächtlichen Unterhaltung über ein Feuerzeug noch immer da. Aus dem Mann einige Häuser weiter wurde zunächst jener Mensch, neben dem sie schweigen konnte, später derjenige, dessen Tür sie kannte, wenn ihre eigene sich nicht nach Zuhause anfühlte, und schließlich ein Bestandteil ihres Lebens, der sich längst nicht mehr sauber in Freundschaft, Liebe, Abhängigkeit oder irgendeinen anderen einzelnen Begriff pressen lässt. Zwischen ihnen liegen drei Jahre gemeinsamer Geschichte vor jener Nacht von 2022 und weitere vier danach, genügend Wut, Begehren, Schuld, Vertrauen und schlechte Entscheidungen, um vernünftigere Menschen mehrfach endgültig auseinanderzutreiben, während Yuna und Alvaro trotzdem eine bemerkenswerte Begabung dafür besitzen, einander wiederzufinden. Vielleicht liegt das daran, dass keiner von beiden den anderen je unter falschen Voraussetzungen kennengelernt hat: Yuna wusste früh, dass Alvaro kein guter Mann im klassischen Sinn war, und Alvaro wusste ebenso früh, dass Yuna keine Frau war, die darauf wartete, von irgendeinem Mann gerettet zu werden. Was von ihrer Geschichte bleibt, ist deshalb keine Erzählung über ein beschädigtes Mädchen, das von den richtigen Menschen gefunden und zusammengesetzt wurde, sondern über eine Frau, deren Leben genug versucht hat, sie auf einzelne Erfahrungen zu reduzieren, und die sich bis heute mit bemerkenswerter Sturheit weigert, darauf einzugehen. Yuliana Vaughn besteht aus wesentlich mehr als einer Mutter, die an ihrer eigenen Abhängigkeit zugrunde ging, einem Pflegevater, dessen Gewalt sie beinahe mit in den Tod nahm, und einem Mann, der 2022 Blut an den Händen hatte, weil er verhinderte, dass ihres aufhörte zu fließen; sie besteht aus Sommersprossen und hellem Haar, schwarzem Kaffee hinter einem Bartresen, Zigaretten in den frühen Morgenstunden und Musik, die viel zu laut durch ihre Wohnung läuft, aus Arroganz, Eitelkeit, schlechtem Humor, einer scharfen Zunge, überraschend weichen Händen und jener beinahe unvernünftigen Loyalität, mit der sie die wenigen Menschen festhält, die tatsächlich bis zu ihr vorgedrungen sind. Ihre Vergangenheit liegt nicht wie eine offene Wunde über allem, was sie ist, sondern wie Metall unter der Haut, längst eingewachsen und manchmal noch empfindlich, aber längst nicht mehr schwer genug, um jede ihrer Bewegungen zu bestimmen.
Vielleicht ist genau deshalb die wichtigste Wahrheit ihres Lebens erstaunlich unspektakulär: Niemand besitzt Yuna, niemand entscheidet mehr, wohin sie geht oder wann sie bleibt, und selbst Alvaro, der tiefer in ihr Leben hineinreicht als beinahe jeder andere Mensch, bekommt von ihr nur das, was sie ihm freiwillig gibt. Dass sie ihm freiwillig verdammt viel davon gibt, ist schließlich ein völlig anderes Problem.
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