Logan ist unkompliziert. Zumindest versucht er das zu sein. Er gehört zu den Menschen, die selten einen Grund darin sehen, sich das Leben unnötig schwer zu machen. Wenn etwas Spaß macht, macht er es. Wenn etwas langweilig ist, sucht er sich etwas anderes. Und wenn er einen Fehler macht, wird eben darüber gelacht, bevor man sich fünf Stunden lang darüber ärgert. Typisch Kindskopf eben. Er ist offen, kontaktfreudig und besitzt dieses gewisse Selbstvertrauen, das nicht unbedingt daraus entsteht, dass er sich für den tollsten Menschen der Welt hält. Er weiß einfach, dass er mit Menschen klarkommt. Er kann mit Fremden reden, ohne dass es sich gezwungen anfühlt, und schafft es meistens, innerhalb weniger Minuten eine gewisse Vertrautheit herzustellen. Seine größte Schwäche ist vermutlich seine Spontaneität. Er denkt häufig erst nach, nachdem er etwas getan hat. Er lässt sich leicht zu irgendwelchen Ideen überreden und besitzt ein erstaunliches Talent dafür, aus einem eigentlich ruhigen Abend eine Geschichte zu machen, die am nächsten Morgen niemand mehr so richtig erklären kann. Er nimmt das Leben nicht immer ernst. Sich selbst schon gar nicht. Nur bei Menschen, die ihm wirklich wichtig sind, hört der Spaß irgendwann auf. Dann ist er loyal, zuverlässig und überraschend beschützend. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich hier sitzen würde. Speed-Dating in einer Bar, vier Blocks von meiner Wohnung entfernt. Mein Blick glitt über die, teilweise verzweifelten, Frauen, die nervös an den Tischen saßen. Die Männer? Noch versammelte sich die Gruppe inmitten des Raumes und diskutierte über die nächste Basketballpleite ihrer Bulls. — Familie, Freunde, beste Freunde, alte Schulbekanntschaften, Kollegen, Nachbarn, Ex-Flirts, Ex-Beziehungen, One-Time-Flings, vielleicht auch jemand, der ihn überhaupt nicht leiden kann. Kein Stress, kein PB Drama - alles easy :) Tatsächlich habe ich die Gesuche rauf und runter durchgeschaut und gesehen, dass einige einen besten Freund suchen. Da ich das Grundgerüst meines Charas soweit, vorab, schon aufgebaut hatte, dachte ich einfach, ich "werfe" ihn so rein und schaue, welche Angebote ich bekomme :) Denn gerne nimmt man die Rolle ein :)Logan
Dazu kommt sein loses Mundwerk. Logan hat eigentlich immer einen Spruch auf Lager. Mal charmant, mal frech, aber manchmal auch vollkommen daneben. Meistens merkt er selbst ziemlich schnell, wenn er eine Grenze erwischt hat, und kann darüber genauso lachen wie sein Gegenüber.
Er flirtet. Viel & Gerne. Und wahrscheinlich auch mit Menschen, bei denen er sich besser überlegen sollte, ob das wirklich eine gute Idee ist. Allerdings steckt dahinter selten eine böse Absicht. Logan mag Aufmerksamkeit, Spannung und dieses kleine Kribbeln, wenn zwei Menschen miteinander spielen.
Gleichzeitig ist er verträumter, als man zunächst vermuten würde. Manchmal sitzt er irgendwo, schaut aus dem Fenster und ist gedanklich vollkommen woanders.
Und ich? Ich hatte echt keinen Bock auf Gespräche.
Wobei die Frau an Tisch drei süß wirkte. Langes rotes Haar, ein paar Sommersprossen, ein schüchterner Blick. Ob sie nur den Anschein machen wollte? Sich schüchtern verkaufen, um später zu überraschen? Meine Aufmerksamkeit hatte sie jedenfalls. Es war eines meiner Talente, Menschen ziemlich schnell einzuschätzen.
Ich nutzte den Gong, um die Männer darauf hinzuweisen, dass sie endlich Platz nehmen sollten. Immerhin dateten sie gerade fremde Frauen innerhalb weniger Minuten.
Ah, stopp.
Hast du ernsthaft gedacht, ich bin ein Teilnehmer?
Nein, nein.
Ich bin der Moderator. Der DatingAngel. Ich arbeite hier. Ein wenig makaber, wenn man mich kennt.
Heute geht es um Singles, die nach der echten Liebe suchen.
Oder willst du mich kennenlernen?
Okay, okay - überzeugt.
Beginnen wir am Anfang.
Ich heiße Logan Tucker. Am 31. Dezember 1999 brachte mich meine Mutter zur Welt, während mein Vater irgendwo im Silvesterstau feststeckte. Meine Mum war enttäuscht. Nicht nur von Dad.. sie wollte unbedingt, dass ich ein 2000er-Kind werde, weil ich sowieso schon drei Tage überfällig war. Zwei verdammte Stunden hätte ich mich noch zurückhalten sollen.
Meine Mum sagt heute noch, dass ich damals schon meinen Charakter gezeigt habe.
Und trotzdem hatten sie mich gerne. Auch wenn ich schon früh ein ziemlicher Wirbelwind war. Aber wer liebt nicht die kindliche Unruhe, wenn ein tobendes Schlafdeckengespenst durch das Haus rennt, nur um festzustellen, dass die Küchenwand härter war als der eigene Kopf?
Ich kam schon früh auf dumme Ideen und zog ständig die Nachbarskinder mit in die Scheiße. Nicht nur einmal musste ich mich irgendwo in der Nachbarschaft entschuldigen. In der Schule ging der Unsinn natürlich weiter. Wenn der Lehrer den Rücken kehrte, war ich der Clown, der irgendwelche Fratzen machte, seine Mitschüler zum Lachen brachte oder irgendwelche Zeichnungen auf die Schulbank kritzelte, die man besser nicht genauer beschreiben sollte.
Ich liebte es schon früh, im Mittelpunkt zu stehen. Das war nun mal meine Art, mich in den Vordergrund zu drängen.
Meine Hausaufgaben, die für mich ungefähr einer schweren Last glichen, erledigte ich oftmals kurz vor dem Schulgong.
Schon damals waren mir meine Freunde wichtig. Ich war eigentlich nie alleine mit dem Fahrrad in Richtung Basketballfeld unterwegs. Und wenn niemand Zeit hatte? Suchte ich unsere Orte auf und fand immer jemanden, den ich kannte. Oder eben kennenlernte.
Einen Freund aus der Nachbarschaft, jemanden aus der Schule, den Barkeeper vom Laden um die Ecke oder irgendeinen Typen, mit dem ich vor drei Jahren einmal auf einer Party gesprochen hatte und dessen Namen ich irgendwie noch wusste.
Mir liegen Menschen.
Mädchen übrigens auch.
Schon früh bemerkte ich, dass es mir total leichtfiel, mit Mädchen zu sprechen. Was mir später das Flirten natürlich ebenso erleichterte. Es war einfach so, dass ich nie groß darüber nachdachte. Ich sprach einfach drauflos. Meine Mum behauptet, ich hätte meinen ersten Kuss mit drei gehabt. Mit dem Nachbarsmädchen.
Ich weiß nicht, ob ich ihr das glauben soll.
Aber irgendwie passte es zu mir.
Nach der Highschool stand ich dann da und dachte mir: Alter. Was mache ich jetzt?
Studium?
Ausbildung?
Einfach arbeiten?
Es fuckte mich ziemlich ab, keine Ahnung zu haben, wohin es gehen sollte. Mein Dad drängte mich schließlich dazu, eine Ausbildung in einer KFZ-Werkstatt anzufangen.
Unfassbare acht Monate hielt ich es durch.
Dann schmiss ich hin.
Nicht, weil ich dumm war. Es hatte mir einfach nicht gefallen. Wieder etwas lernen, wieder irgendwelche Prüfungen und Regeln, jeden Morgen zu einer bestimmten Uhrzeit irgendwo auftauchen? Hatte ich keinen Bock mehr drauf.
Also jobbte ich.
Mal in einem Restaurant. Bei Bekannten auf Veranstaltungen. Mal hinter einer Bar oder sogar eine Zeit lang als Taxifahrer. Nichts davon erfüllte mich wirklich. Aber es brachte Geld und ich lernte dabei eine Menge Menschen kennen.
Bis ein Flirt kam.
Ja, tatsächlich.
Eine Frau, die ich bei einer Veranstaltung kennengelernt hatte, erzählte mir von einem Dating- und Event-Service. Ich fand die Idee zunächst einfach nur ultrawitzig. Menschen bezahlen dafür, dass andere Menschen ihnen helfen, einen Partner zu finden?
Klar, warum nicht?
Ich probierte es aus.
Und bin bis heute geblieben.
Seit mittlerweile zwei Jahren arbeite ich dort. Ich betreue verschiedene Veranstaltungen, kümmere mich um Teilnehmerlisten, organisiere Locations, helfe beim Aufbau und sorge vor allem dafür, dass bei den Events niemand alleine in einer Ecke steht und sich fragt, warum er überhaupt gekommen ist.
Speed-Dating-Abende gehören genauso dazu wie kleine Partys, Cocktail-Abende und Spieleabende.
Und ich sag's dir ! es gefällt mir!
Nicht unbedingt der Job.
Die Menschen.
Es ist faszinierend, wie unterschiedlich Menschen miteinander umgehen. Manche kommen schüchtern und verlassen den Abend mit einer Nummer im Handy. Andere flirten schon an der Garderobe miteinander. Wieder andere trinken zwei Cocktails, erzählen mir ihre komplette Beziehungsgeschichte und vergessen anschließend, dass sie eigentlich gekommen waren, um jemanden kennenzulernen.
Und das Beste?
Ich kann selbst flirten.
Ein lockerer Spruch beim Einlass. Ein Kompliment beim Einschenken eines Drinks. Ein ehrliches Grinsen, wenn jemand nervös wird.
Ich kann schwer anders.
Gleichzeitig weiß ich, wann Schluss ist. Mein Job ist schließlich nicht, jeden Menschen abzuschleppen, der durch die Tür kommt.
Obwohl meine Kollegen manchmal behaupten, ich würde genau das versuchen.
Mein eigenes Liebesleben ist dabei wesentlich weniger erfolgreich als meine berufliche Vermittlungsquote.
Ich bin nicht der Typ, der romantische Gedichte schreibt. Oder monatelang jemandem hinterherrennt. Nö. Ich bin eher der Typ, dem eine Frau gefällt und der sie einfach anspricht.
Wenn sie zurückflirtet - perfekt.
Wenn nicht?
Dann war es eben so.
Dadurch entwickelte sich irgendwann ein gewisser Ruf. Manche fanden es toll, manche wiederum nicht. Und natürlich gab es auch die Frauen, die mir unbedingt beweisen wollten, dass ich eben doch nicht so ein Fuckboy sei, wie alle behaupteten.
Spoiler?
Meistens hatten sie damit nicht ganz Unrecht.
Ich fand es irgendwann sogar amüsant, dass sich dieses Wort so festgesetzt hatte. Fuckboy. Als wäre ich irgendein riesiges Problem, das man lösen musste.
Dabei war ich eigentlich ziemlich ehrlich.
Ich versprach niemandem die große Liebe, wenn ich sie nicht fühlte. Ich machte keine Zukunftspläne nach drei Dates und erzählte niemandem, dass sie die Eine sei, nur damit sie blieb. Vielleicht war genau das mein Problem.
Beziehungen sind nicht mein Fachgebiet.
Nicht, weil ich gefühllos bin. Bin ich nicht. Wenn mir jemand wirklich wichtig ist, kann ich ziemlich loyal sein. Vielleicht sogar mehr, als man mir zutraut.
Aber sobald aus etwas Lockerem etwas Ernsteres wird, gehe ich einen Schritt zurück. Und manchmal noch einen.
Sobald jemand wissen will, was das zwischen uns eigentlich ist, fällt mir plötzlich ein, dass ich dringend noch irgendetwas erledigen muss. Ich mag Nähe. Ich mag Frauen. Ich mag dieses Kribbeln, wenn man sich gerade kennenlernt.
Aber ich mag nicht das Gefühl, jemandem etwas schuldig zu sein. Vielleicht ist das feige. Vielleicht bin ich einfach noch nicht erwachsen genug.
Oder vielleicht habe ich bisher einfach noch niemanden getroffen, bei dem ich bereit war, meine Meinung darüber zu ändern.
Mein Blick wanderte wieder durch den Raum. Tisch drei. Die Rothaarige. Sie hatte inzwischen aufgehört, auf ihre Hände zu starren und unterhielt sich tatsächlich mit ihrem Date. Sogar ziemlich gut, wenn ich das von hier aus beurteilen konnte. Ich musste grinsen. Vielleicht war sie gar nicht schüchtern und einfach nur nervös.
Der Gong ertönte.
Die erste Runde war vorbei. Stühle wurden gerückt, Gläser abgestellt, Nummern notiert und irgendwo am anderen Ende des Raumes hatte gerade jemand beschlossen, dass sein Date definitiv keine zweite Runde verdient hatte. Ich stand auf und sammelte die leeren Gläser ein.
DatingAngel.
Was für ein bescheuerter Name.
Und trotzdem saß ich hier, Woche für Woche, und half Menschen dabei, etwas zu finden, vor dem ich selbst seit Jahren davonlief.
Liebe. Schon irgendwie makaber. Aber hey. Vielleicht musste ich ja irgendwann selbst mal herausfinden, ob ich wirklich so hoffnungslos war, wie ich behauptete.
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Writing
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