Miles Mitchell ist der lebende Beweis dafür, dass Selbstvertrauen und gute Entscheidungen nicht zwingend miteinander korrelieren müssen. Extrovertiert, charmant, impulsiv und mit einer ausgesprochen lockeren Beziehung zu Autoritäten ausgestattet, besitzt er das seltene Talent, innerhalb von zwanzig Minuten entweder einen neuen Freund zu finden oder Hausverbot zu bekommen.. gelegentlich beides gleichzeitig. Miles redet viel, flucht noch mehr, ist ein miserabler Verlierer und hält „Du kannst das nicht“ grundsätzlich für eine persönliche Einladung. Hinter der großen Klappe steckt allerdings ein loyaler, großzügiger und erstaunlich warmherziger Mensch, der für seine Leute ohne zu zögern alles stehen und liegen lässt. Grenzen respektiert er dort, wo sie wirklich zählen; Regeln dagegen betrachtet er eher als unverbindliche Literaturempfehlung. Kurz gesagt: Miles ist kein schlechter Mensch. Er ist nur sehr häufig eine schlechte Idee. CHAPTER ONE CHAPTER THREE — Grundsätzlich ist für Miles fast alles willkommen, was Spaß macht, Chaos verspricht oder interessante Dynamiken mit sich bringt. Besonders gesucht werden Menschen, die seine Leidenschaft für Motorräder, Motocross und Motorsport teilen, ganz egal, ob sie selbst fahren, schrauben oder einfach viel zu begeistert über Motoren reden können. Ebenso gerne gesehen sind andere bekannte oder professionelle Sportler, denen Miles durch Events, Sponsoren, gemeinsame Freunde oder schlicht das Leben in der Öffentlichkeit begegnet sein könnte. Darüber hinaus suche ich Freunde aus Chicago, alte Bekanntschaften aus Kalifornien, Trainingspartner, Rivalen, Partybekanntschaften und Menschen, die ihn aus irgendeinem unerklärlichen Grund tatsächlich freiwillig mögen. Auch Freundschaften, die hauptsächlich aus gegenseitigen Beleidigungen, schlechten Ideen und „Miles, no.“ – „Miles, yes.“ bestehen, sind ausdrücklich erwünscht. Genauso spannend sind Leute, die mit seiner großen Klappe überhaupt nichts anfangen können, ehemalige Dates, komplizierte Bekanntschaften oder Menschen, mit denen er regelmäßig aneinandergerät. Miles ist ziemlich kontaktfreudig und schafft es erfahrungsgemäß ohnehin, sich überall einzumischen, entsprechend bin ich für Freundschaften, Rivalitäten, Sport-Connections, Chaos und alles dazwischen offen. Ich schreibe grundsätzlich gerne ausführlicher und lege viel Wert auf Dynamik, Körpersprache, Gedanken und kleine Details innerhalb einer Szene, passe mich bei der Postlänge aber auch gerne meinem Gegenüber und dem jeweiligen Play an. Besonders wichtig ist mir, dass sich Charaktere und Beziehungen organisch entwickeln dürfen.. ich plane gerne gemeinsam, lasse mich im Play aber genauso gerne überraschen. Kleine Vorwarnung an dieser Stelle: Miles besitzt weder einen besonders zuverlässigen Filter noch ein außergewöhnlich inniges Verhältnis zu gepflegter Ausdrucksweise. Er flucht viel, provoziert gerne, kann respektlos, sarkastisch und gelegentlich ein ziemliches Arschloch sein. Das richtet sich selbstverständlich ausschließlich nach seinem Charakter und niemals gegen den PB hinter einem Charakter. Wenn euch in einem Play etwas unangenehm ist oder ihr bestimmte Grenzen habt, sagt mir jederzeit Bescheid, die respektiert Miles dort, wo es tatsächlich zählt, nämlich auch. Ansonsten gilt: Wer sich auf ihn einlässt, bekommt vermutlich mindestens eine schlechte Idee gratis dazu. +1000 aura -1 functioning boneMiles
i just know his mama is tired
Miles Mitchell kam am 7. Dezember 1999 in Kalifornien zur Welt, einige Tage früher als ursprünglich vorgesehen, was man rückblickend durchaus als Warnung hätte verstehen können. Miles hatte schließlich noch nie besonders viel Interesse daran, auf irgendetwas zu warten, und offenbar sah er keinen Grund, damit erst außerhalb des Mutterleibs anzufangen. Seine Mutter Linda behauptet bis heute, er sei als Baby vollkommen unkompliziert gewesen: fröhlich, pflegeleicht und selten ohne Grund laut. Diese Aussage wird vom Rest der Familie allerdings mit Vorsicht behandelt, denn Linda behauptet ebenfalls, sämtliche ihrer Kinder seien als Babys Engel gewesen, und es existieren genügend Augenzeugenberichte, die zumindest bei Miles erhebliche Zweifel daran aufkommen lassen. Die Mitchells lebten in Southern California und waren eine erfreulich gewöhnliche Familie. Keine Imperien, keine jahrhundertealten Feindschaften und bemerkenswert wenige Leichen in irgendwelchen Kellern. David und Linda arbeiteten viel, das Geld reichte für ein gutes Leben, und die größte familiäre Krise bestand lange darin, dass irgendjemand grundsätzlich die leere Milchpackung zurück in den Kühlschrank stellte. Miles war dabei kein schwieriges Kind im klassischen Sinne. Er war freundlich, neugierig, offen und konnte innerhalb weniger Minuten Freundschaft mit vollkommen fremden Menschen schließen. Leider war er außerdem mit einem nahezu vollständigen Mangel an gesundem Misstrauen gegenüber Höhe, Geschwindigkeit und offensichtlich schlechten Ideen ausgestattet worden. Wo andere Kinder wissen wollten, was sich hinter einer Tür befand, wollte Miles wissen, ob man darüber klettern konnte. Meistens konnte man. Mit drei Jahren verschwand er während einer Grillparty für sieben Minuten und wurde schließlich von seiner Schwester auf einem Baum entdeckt. Niemand wusste, wie er dort hochgekommen war. „Geklettert“, erklärte Miles. Diese Information half Linda überraschend wenig. Bis zu seinem fünften Geburtstag hatte er bereits eine Platzwunde, einen gebrochenen Finger und eine beeindruckende Sammlung an Schürfwunden vorzuweisen. Der Finger war gebrochen, weil Miles herausfinden wollte, ob man von der Rückenlehne des Sofas auf den Couchtisch springen konnte. Man konnte. Lediglich die Landung bedurfte weiterer Optimierung. Ein vernünftiger Vater hätte an dieser Stelle vermutlich ein ruhigeres Hobby vorgeschlagen. David Mitchell kaufte seinem Sohn ein Dirtbike. Linda bezeichnet diese Entscheidung bis heute als den größten Fehler ihrer Ehe. David weist gelegentlich darauf hin, dass sie seit über dreißig Jahren verheiratet sind und das eigentlich ziemlich gut für ihn spreche. Linda sieht das anders.
THE MITCHELL FAMILY INCIDENT REPORT — Alter: 5 Jahre · Verletzungen: mehrere · Selbsterhaltungstrieb: nicht auffindbar · Verantwortlicher für das Dirtbike: David Mitchell · Linda hat ihm bis heute nicht verziehen.
Leider stellte sich ziemlich schnell heraus, dass Miles Talent hatte. Richtiges Talent. Er besaß ein ungewöhnlich gutes Gefühl für Balance und Geschwindigkeit und schien auf dem Motorrad zum ersten Mal genau dort zu sein, wo seine permanente überschüssige Energie tatsächlich hingehörte. Aus einem Vater-Sohn-Hobby wurden Wochenenden auf kleinen Strecken, erste Rennen und irgendwann eine Garage, in der mehr Ausrüstung für Miles herumlag als für seinen Vater. Auch in der Schule blieb er zuverlässig Miles. Seine Leistungen waren gut genug, dass niemand ihm mangelnde Intelligenz vorwerfen konnte; seine Lehrer hätten sich vermutlich gelegentlich sogar gewünscht, er wäre etwas weniger intelligent gewesen, denn dann hätte er wenigstens nicht jede Regel wie einen Vertragsentwurf auf mögliche Schlupflöcher überprüft. Fast jedes Zeugnis enthielt irgendwann dieselbe Formulierung: „Miles ist ein intelligenter und fähiger Schüler, allerdings …“ Linda Mitchell entwickelte über die Jahre eine persönliche Abneigung gegen das Wort allerdings.
Allerdings redete Miles während des Unterrichts.
Allerdings ließ er sich leicht ablenken.
Allerdings lenkte er andere ab.
Allerdings sollte er lernen, Anweisungen zu befolgen, ohne sie zunächst wie einen Vertragsentwurf auf mögliche Schlupflöcher zu überprüfen. Trotzdem mochten ihn die meisten Lehrer, denn Miles war lustig, charmant und konnte sich mit einem Grinsen aus Situationen herausreden, bei denen andere Kinder längst ihre Eltern hätten anrufen müssen. Zu Hause funktionierte das schlechter. Linda hatte ihn schließlich selbst produziert und dadurch eine gewisse natürliche Immunität entwickelt. Mit zehn hatte Miles bereits eine wichtige Lektion gelernt: Die meisten Dinge gingen irgendwie gut. Er fiel und stand wieder auf, fuhr zu schnell und bekam die Kurve trotzdem, machte Unsinn, kassierte seine Konsequenzen und brachte seine Mutter spätestens zwei Tage später wieder zum Lachen. Es gab immer einen nächsten Versuch, immer eine Lösung und immer ein wird schon. Für ein Kind war das eine wunderbare Art aufzuwachsen. Für den Mann, der einmal aus ihm werden würde, sollte sie sich als geringfügig problematisch erweisen.
CHAPTER TWO
your honor, he's literally just a teenage boy
Mit dreizehn war Miles Mitchell gleichzeitig zu einem ausgesprochen talentierten Motocrossfahrer, einem überraschend hübschen Teenager und einem Problem herangewachsen, das inzwischen deutlich mobiler geworden war. Vor allem Letzteres bereitete Linda Sorgen. Miles gewann häufiger, fuhr größere Rennen und tauchte zunehmend auf dem Radar von Menschen auf, die nicht mit ihm verwandt waren und deshalb wesentlich begeisterter von seinem fehlenden Selbsterhaltungstrieb wirkten. Trainer nannten ihn furchtlos, sein Vater nannte ihn talentiert und seine Mutter rief ihn weiterhin ins Haus, weil er wieder irgendwo ohne Schuhe herumlief. Prioritäten. Die ersten Sponsoren folgten, während die Mitchells ihre Wochenenden zunehmend an Rennstrecken verbrachten. David kannte irgendwann jede brauchbare Tankstelle Südkaliforniens, Linda konnte Motorräder anhand ihres Motorengeräusches unterscheiden, obwohl sie diese Fähigkeit weder gewollt noch freiwillig erworben hatte, und Miles liebte alles daran: den Lärm, den Dreck, die Nervosität vor dem Start und vor allem die wenigen Minuten, in denen nichts außer der Strecke vor ihm existierte. Seine Eltern bestanden trotzdem darauf, dass er zunächst ihr Sohn und erst danach irgendein vielversprechendes Nachwuchstalent war. „Ich hab am Wochenende gewonnen.“ „Ich weiß. Räum die Spülmaschine aus.“ „Mom.“ „Miles.“ Die Spülmaschine gewann. Vielleicht stieg ihm der Erfolg deshalb erstaunlich wenig zu Kopf. Zumindest nicht mehr als ohnehin schon, denn Selbstvertrauen hatte Miles ausreichend mitgebracht. Mit vierzehn stellte er außerdem fest, dass sein Grinsen nicht nur bei Lehrern funktionierte. Menschen mochten ihn, und Miles nahm diese Entwicklung mit der Selbstverständlichkeit eines Jungen hin, der offenbar davon ausging, dass die Welt grundsätzlich gerne mit ihm befreundet sein wollte. Meistens hatte er damit sogar recht, was ihn ausgesprochen unerträglich machte. Seine ältere Schwester fungierte glücklicherweise als gesellschaftliche Kontrollinstanz und erinnerte sich noch sehr genau daran, dass derselbe Junge einmal geweint hatte, weil er überzeugt gewesen war, eine Wespe würde ihn persönlich verfolgen. Wenn Miles also mit einer neuen Sonnenbrille nach Hause kam und sich sichtbar zu cool fühlte, musste sie ihn lediglich ansehen. „Was?“ „Nichts.“ „Du schaust so.“ „Du siehst lächerlich aus.“ Familie war wunderschön.
Mit fünfzehn wurde Miles zum ersten Mal suspendiert, nachdem er mit drei Freunden das Dach eines Schulgebäudes betreten hatte. Laut Miles wollten sie dort lediglich ihre Mittagspause verbringen. Die Schulleitung wies darauf hin, dass traditionelle Pausenplätze selten hinter Türen mit ZUTRITT VERBOTEN lagen. Im Büro des Direktors setzte Miles bereits zu seiner Verteidigung an. „Zu meiner Verteidigung—“ „Nein.“ „Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte.“ „Doch.“ Sie wusste es tatsächlich. Mit sechzehn bekam er seinen Führerschein, woraufhin David argumentierte, Miles sei schließlich ein erfahrener Fahrer mit hervorragenden Reaktionszeiten. Linda sah ihren Mann an, als hätte er gerade erklärt, ein Tiger sei ein ideales Haustier, weil er bereits laufen könne. Mit siebzehn brachte die Polizei Miles zum ersten Mal nach Hause. Nicht verhaftet. Diese Unterscheidung ist ihm bis heute wichtig. Er und zwei Freunde hatten ein abgesperrtes Privatgelände betreten, weil sie dort „nur kurz schauen“ wollten. Niemand wurde verletzt, nichts beschädigt und die Eigentümer verzichteten auf eine Anzeige. Als der Polizeiwagen nach Mitternacht vor dem Haus hielt, stand Linda bereits an der Tür. „Bevor du sauer wirst—“ „Rein.“ „Ich kann das erklären.“ „Davon gehe ich aus.“ „Es ist eigentlich ziemlich lustig.“ „Miles.“ Er ging rein.
FOR THE RECORD — Miles Mitchell wurde nicht verhaftet. Miles Mitchell hält diese Information für wesentlich wichtiger als sämtliche Ereignisse, die dazu geführt haben, dass er überhaupt hinten in einem Polizeiwagen saß.
Während sein Privatleben zunehmend aus Entscheidungen bestand, die seine Mutter schneller altern ließen, entwickelte sich seine Karriere in die entgegengesetzte Richtung. Größere Sponsoren interessierten sich für ihn, Clips seiner Rennen verbreiteten sich online und Miles entdeckte eine vollkommen neue Möglichkeit, seiner Familie Sorgen zu bereiten: öffentliche Aufmerksamkeit. Bei einem seiner ersten Interviews fragte ein Reporter, was ihm während eines besonders schwierigen Rennabschnitts durch den Kopf gegangen sei. Miles dachte tatsächlich kurz darüber nach. „Dass ich dringend pinkeln muss.“ Seine Mutter schloss die Augen. Der Sponsor lernte etwas. Menschen mochten Miles zunehmend nicht trotz seiner großen Klappe, sondern wegen ihr. Er war schnell, talentiert, sah vor Kameras gut aus und sagte Dinge, die kein Pressesprecher freiwillig freigegeben hätte. Mit achtzehn hatte Miles deshalb eine gefährliche Lektion gelernt: Erfolg öffnete erstaunlich viele Türen, Charme hielt einige davon offen und Talent sorgte dafür, dass Menschen ihm ziemlich viel verziehen. Seine Schlussfolgerung war entsprechend simpel. Es würde schon irgendwie gutgehen. Bisher war es das schließlich immer.
unfortunately, he was really fucking good at it
Mit achtzehn wurde aus Miles Mitchell offiziell das, wovor seine Mutter sich seit dem ersten Dirtbike gefürchtet hatte: ein professioneller Motocrossfahrer. Schlimmer noch, ein erfolgreicher. Größere Rennen wurden zu Meisterschaften, kleinere Sponsoren zu Verträgen, und irgendwann standen auf seinem Konto Summen, bei denen Miles zunächst von einem Fehler ausging. Es war keiner, weshalb er mit dieser Information ungefähr das tat, was man von einem Neunzehnjährigen erwarten konnte, dessen finanzielle Entscheidungen bis dahin hauptsächlich aus der Wahl zwischen zwei Sorten Energy Drinks bestanden hatten. Er kaufte ein Auto und anschließend noch eines, wobei das zweite laut Miles eine „Investition“ gewesen sei. Niemand weiß, worin genau. Geld bedeutete ihm trotzdem erstaunlich wenig. Er kaufte seinen Eltern vernünftige Dinge, bezahlte seiner Schwester spontan einen Urlaub und entwickelte die Angewohnheit, Freunden Probleme mit vollkommen unverhältnismäßig teuren Lösungen abzunehmen. „Mein Laptop spinnt.“ „Welchen willst du?“ „Miles, ich wollte mich nur beschweren.“ „Okay. Welchen willst du?“ Hinter dem Grinsen, den katastrophalen Interviews und einem Schlafrhythmus, der mehrere medizinische Fachrichtungen beleidigte, steckte allerdings ein ernsthafter Athlet. Miles trainierte hart, kannte seinen Körper, seine Maschine und jede Strecke und gewann oft genug, um seinen Ruf zu rechtfertigen. Verlieren konnte er dafür überhaupt nicht. „Second is still an incredible result.“ „Yeah. For the guy who came third.“ Man lernte, ihm unmittelbar nach Niederlagen kein Mikrofon ins Gesicht zu halten.
Seine PR-Leute fanden ihn gleichzeitig hervorragend und erschöpfend. Linda verstand sich sofort mit ihnen; sie hatten schließlich denselben Job: Miles Mitchell davon abzuhalten, Miles-Mitchell-Dinge zu tun. Mit einundzwanzig wurde er zum zweiten Mal von der Polizei mitgenommen, wobei auch diese Formulierung von ihm vehement abgelehnt wird. Er sei lediglich „vorübergehend dort gewesen“. Linda war hauptsächlich daran interessiert, warum sie über das Internet davon erfahren musste. Ihr Telefon klingelte. „Hi, Mom.“ „Warum trägst du Handschellen?“ Miles schwieg kurz. „Woher weißt du das schon?“ Falsche Antwort. Es ging um eine Party, eine Wette und einen Ort, an dem Miles definitiv nichts verloren hatte. Die Sache endete ohne größere Konsequenzen, und Miles versprach anschließend, sich zurückzuhalten. Für seine Verhältnisse tat er das sogar. Das Problem bestand lediglich darin, dass Miles' Vorstellung von Zurückhaltung erheblich von der allgemein anerkannten Definition abwich.
PUBLIC RELATIONS DEPARTMENT — Primäres Ziel: sportliche Karriere fördern. Sekundäres Ziel: verhindern, dass Miles Mitchell Zugang zu einem unbeaufsichtigten Mikrofon erhält. Erfolgsquote: durchwachsen.
Mit zweiundzwanzig war er erfolgreich, wohlhabend, bekannt und im Kern noch immer derselbe Junge, der auf Schuldächern gesessen hatte, weil irgendwo eine Tür offen gewesen war. Er besaß lediglich bessere Motorräder, schlechtere Ideen und genug Geld, um theoretisch seine eigene Kaution zu bezahlen. Vor allem aber glaubte er weiterhin beinahe unerschütterlich daran, dass am Ende alles irgendwie gutgehen würde. Bis es das einmal nicht tat.
CHAPTER FOUR
the one he doesn't joke about
Mit dreiundzwanzig hatte Miles sich daran gewöhnt, dass Risiko meistens nur eine andere Bezeichnung für etwas war, das er gut konnte. Er kannte gebrochene Knochen, ausgekugelte Schultern und den metallischen Geschmack von Blut; Verletzungen gehörten zu seinem Sport und Angst ebenfalls, Miles hatte nur nie besonders viel auf sie gegeben. Sein bester Freund kannte ihn lange genug, um das zu wissen. Sie waren zusammen aufgewachsen, zusammen gefahren und hatten einen erheblichen Teil ihrer Jugend damit verbracht, sich gegenseitig zu Dingen anzustacheln, die vernünftige Menschen ablehnten. Einer sagte nein, der andere trau dich, und fünf Minuten später machten es meistens beide. An diesem Abend trainierten sie auf einer privaten Strecke in Kalifornien. Das offizielle Training war bereits vorbei, das Licht wurde schlechter und jemand hatte vorgeschlagen, Schluss zu machen, als sie wieder an einem Sprung vorbeikamen, über dessen Linie sie zuvor gesprochen hatten. Sein Freund wollte ihn am nächsten Tag versuchen. Miles wollte nicht warten, also fuhr er zuerst und landete sauber. Als er zurückkam, grinste er. „Come on. Don't pussy out now.“ Später erinnerte Miles sich nicht mehr an den genauen Wortlaut. Er erinnerte sich nur daran, dass sein Freund zunächst Nein gesagt hatte und Miles genau wusste, welche Knöpfe er drücken musste, damit daraus ein Ja wurde.
Der Sprung ging schief. Miles sah den Aufprall, und von allem danach blieben einige Erinnerungen messerscharf, während andere vollkommen fehlten: Menschen, die rannten, ein Notruf, seine eigenen Knie im Dreck neben seinem Freund, obwohl jemand ihm sagte, er solle zurückgehen, und irgendwann das Geräusch eines Rettungswagens. Danach kamen Krankenhäuser, Operationen und Wochen, die zu Monaten wurden. Sein Freund überlebte, konnte irgendwann wieder gehen und später sogar wieder Motorrad fahren. Professionell fuhr er nie wieder. Alle sagten Miles dasselbe. Es war ein Unfall. Sein Freund war erwachsen und hatte selbst entschieden. Miles hatte ihn nicht auf das Motorrad gesetzt. Das alles stimmte, aber es half ihm nicht, denn Miles kannte die Wahrheit irgendwo zwischen Schuld und Unschuld: Sein Freund hatte Nein gesagt, und Miles hatte dieses Nein nicht ernst genommen. Nicht aus Bosheit und nicht, weil er ihm schaden wollte, sondern weil bisher immer alles gutgegangen war.
Als Miles ihn nach einer Operation besuchte, machte sein Freund sogar einen Witz darüber. Normalerweise hätte Miles sofort einen schlechteren zurückgegeben. Diesmal nicht. Ihre Freundschaft überstand den Unfall, aber sie blieb nicht unverändert. Sein Freund musste lernen, wie ein Leben aussah, in dem der Traum, den sie geteilt hatten, plötzlich nicht mehr existierte, während Miles weiterfahren musste. Vielleicht war genau das der schlimmste Teil. Er trainierte wieder, startete wieder und stand irgendwann wieder auf Podien, während sein bester Freund Physiotherapie machte, und dabei lernte Miles, dass Schuld ein erstaunlich stiller Begleiter sein konnte. Der Unfall machte keinen vollkommen anderen Menschen aus ihm. Miles blieb laut, impulsiv und respektlos, traf weiterhin fragwürdige Entscheidungen und setzte seinen eigenen Körper Risiken aus, die Linda vermutlich noch Jahrzehnte ihres Lebens kosten würden. Nur eine Sache änderte sich. Miles überredete seitdem niemanden mehr zu einem Risiko. Wenn jemand vor einem Sprung, einer Mutprobe oder irgendeiner anderen dummen Idee zögerte, gab es kein come on mehr und kein provozierendes Grinsen, sondern nur ein vollkommen selbstverständliches „Then don't.“ Wenn jemand anderes trotzdem weiter Druck machte, wurde Miles ungewöhnlich schnell ernst. „He said no.“ Darüber diskutierte er nicht. Es war vielleicht die erste Grenze seines Lebens, die Miles Mitchell niemals testen musste, um zu verstehen, warum sie existierte.
CHAPTER FIVE
bro accidentally moved to chicago
Miles hörte nach dem Unfall nicht auf zu fahren, auch wenn eine Zeit lang erstaunlich viele Menschen offenbar erwartet hatten, dass er es tun würde. Journalisten stellten vorsichtige Fragen, Fans analysierten jede schlechtere Platzierung und das Internet tat, was das Internet am besten konnte: Es entwickelte sehr entschiedene Meinungen über einen Menschen, den es nicht kannte. Miles ignorierte den Großteil davon und fuhr weiter. Mit zunehmendem Erfolg wurde er zu einem der bekanntesten Gesichter seines Sports. Sponsoren mochten seine Ergebnisse und Fans mochten, dass er sich weiterhin weigerte, wie eine sorgfältig produzierte Version seiner selbst zu wirken. Seine Interviews blieben entsprechend gefährlich. „Do you consider yourself a role model?“ Miles brauchte keine Sekunde. „Fuck no.“ Der Interviewer zögerte. „Can we say that again?“ Miles sah ihn irritiert an. „Why? Was the mic off?“ Sein PR-Team verdiente jeden Cent.
Mit dem Ruhm selbst kam Miles erstaunlich gut zurecht. Er mochte Menschen, störte sich selten an Fotos oder Autogrammen und blieb nach Rennen häufig länger als geplant, weil er einem Zehnjährigen mit einem Helm unter dem Arm schlicht nicht erklären konnte, dass er keine Zeit für ihn hatte. Was er nicht mochte, war die Vorstellung, Erfolg hätte ihn plötzlich zu jemand anderem gemacht. Bei seinen Eltern musste er weiterhin die Schuhe ausziehen, seine Schwester beleidigte weiterhin seine Frisuren und seine Freunde interessierten sich mehr dafür, ob er beim Pubquiz wieder unerträglich sein würde, als für seine letzte Platzierung. Das hielt die Dinge angenehm normal.
Chicago kam eher versehentlich dazu. Seine ältere Schwester lebte inzwischen dort, und Miles hatte sie über die Jahre immer wieder besucht. Anfangs mochte er die Stadt hauptsächlich deshalb, weil sie das genaue Gegenteil seiner kalifornischen Heimat war: laut, dicht und im Winter derart kalt, dass er ernsthaft an der Urteilsfähigkeit ihrer gesamten Bevölkerung zweifelte. „People die like this.“ Seine Schwester sah ihn an. „It's twelve degrees.“ „Exactly.“ Trotzdem kam er wieder, nach dem Unfall sogar häufiger. Nicht weil Chicago irgendein symbolischer Neuanfang gewesen wäre; Miles hatte keinerlei Interesse daran, sich selbst zu finden und wusste ziemlich genau, wo er war. Er wollte lediglich manchmal an einem Ort sein, an dem nicht jeder Mensch seine letzten zwanzig Jahre kannte. In Chicago war er gelegentlich Miles Mitchell, Motocrossfahrer, aber oft genug war er einfach der Typ, der zu laut lachte, mit einem Barkeeper innerhalb von zwanzig Minuten Freundschaft schloss und beim Pubquiz behauptete, seine Antwort sei „basically correct“, obwohl sie nachweislich falsch war.
Aus zwei Wochen bei seiner Schwester wurden weitere Besuche, aus Besuchen längere Aufenthalte, und irgendwann rief Miles seinen Vater an. „I bought an apartment.“ David schwieg kurz. „In California?“ „Chicago.“ Die nächste Stille dauerte erheblich länger. „You did what?“ Miles hatte ein großzügiges Loft in guter Lage gefunden, genug Platz, eine Garage in akzeptabler Entfernung und deshalb die seiner Ansicht nach vollkommen logische Entscheidung getroffen, es zu kaufen. Linda erfuhr ungefähr neun Minuten später davon. „Du ziehst nach Chicago?“ „Nicht komplett.“ „Du hast dort eine Wohnung gekauft.“ „Yeah.“ „Das klingt ziemlich komplett.“ Seine Schwester versuchte zu helfen. „Mom, ich bin doch hier.“ Linda sah darin keinen Trost. „Du bist nicht sein gesetzlicher Vormund.“ „Er ist sechsundzwanzig.“ Linda sah sie an. „Genau. Niemand ist es.“ Damit war die Sache entschieden.
CURRENT STATUS — Wohnort: Chicago-ish · Beruf: professioneller Motocrossfahrer · Familienstand: Lindas Problem · Vermögen: bedenklich hoch für jemanden mit dieser Impulskontrolle · Gesetzlicher Vormund: bedauerlicherweise niemand.
Heute teilt Miles sein Leben zwischen Chicago, Trainingsstrecken, Rennen, Flughäfen und Hotels auf. Seine Wohnung sieht dabei weniger nach Prominentenimmobilie und mehr danach aus, als hätte ein sehr wohlhabender Mann vergessen, dass Möbel nicht primär zum Aufhängen von Jacken erfunden wurden. Helme stehen herum, analoge Fotos liegen zwischen Zeitschriften und in der Küche befindet sich eine absurd teure Kaffeemaschine neben einer Tasse von gestern. Miles fährt weiterhin professionell, gewinnt weiterhin oft genug, um unerträglich selbstzufrieden damit zu sein, und flucht weiterhin in Interviews, obwohl mehrere Menschen inzwischen beruflich dafür bezahlt werden, ihn davon abzuhalten. Und Linda ruft weiterhin an. Manche Dinge sollten sich schließlich nie ändern.
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